• 20Jun

    Falls sich jemand gefragt hat, warum sich hier in der letzten Zeit nichts getan hat: Ich habe die letzten Wochen in erster Linie damit verbracht, für meine Abschlussprüfungen zu lernen. Diese sind nun passé, und seit kurzem bin ich lic.rer.soc. (was immer das auch heisst).

    Ich habe mich ja im Rahmen meiner Lizentiatsarbeit sehr intensiv mit dem Thema “virale Videos” beschäftigt. Ich habe für meine Arbeit zwar eine sehr gute Bewertung erhalten, ich muss aber selbst eingestehen, dass ich das “Erfolgsrezept” für virale Videos nicht gefunden habe. Und ich dachte auch lange, dass es kein solches gibt. Nun habe ich aber bei “Nummer 15” ein Video von einem Vortrag gesehen, der eine ganz andere Sprache spricht: Es gibt sehr wohl eine Erfolgsformel für virale Videos. Und Doug Zonker von der University of Washington hat sie entdeckt. Hier das PDF zu seiner brillanten Arbeit, und hier das Video:

  • 07Feb

    Die “Arbeitsgemeinschaft Social Media” hat in einem Call for Posts zu Ideen und Beiträgen zum Thema “Relevanzmasse für Social Media” aufgerufen. Ich habe mich bei meiner Lizentiatsarbeit mit den Nachrichtenfaktoren beschäftigt und untersucht, inwiefern sich diese auf virale Videos anwenden lassen. Da virale Videos auch in das Feld “Social Media” gehören, will ich hier einen Versuch wagen, meine “two cents” zu diesem Call for Posts zu geben und darzulegen, dass die Nachrichtenfaktoren ein interessantes Relevanzmass für Social Media im Allgemeinen sein könnten.

    Was sind Nachrichtenfaktoren?
    Ohne hier die ganze Nachrichtenwertforschung aufrollen zu wollen: Die ursprüngliche Idee hinter dieser Theorie war die folgende: Je höher der Nachrichtenwert eines Ereignisses, desto grösser die Chance, dass dieses zur Nachricht wird. Und je stärker ausgeprägt die Nachrichtenfaktoren bei einem Ereignis sind, desto höher dessen Nachrichtenwert. Es gibt diverse verschiedene Kataloge von Nachrichtenfaktoren, eine gute Übersicht gibt dieser Artikel auf Seite 13. 
    Christiane Eilders stellte 1997 fest, dass die Nachrichtenfaktoren auch auf die Rezeptionsseite übertragen werden können: Sie ging davon aus, dass es sich bei Nachrichtenfaktoren um Relevanzindikatoren handelt, welche die Relevanz eines Ereignisses oder Sachverhaltes anzeigen und so die Aufmerksamkeit der Rezipienten steuern. 

    Nachrichtenfaktoren und Social Media
    Will man nun diese Theorie auf Social Media übertragen, stellt sich zuerst die Frage, was die Untersuchungseinheiten sind. Mein Vorschlag wäre: die einzelnen Botschaften, also Blog-Posts, Tweets, etc. Dann könnte man untersuchen, welche Nachrichtenfaktoren beispielsweise in einem Blog-Post identifiziert werden können und wie stark diese ausgeprägt sind. Je mehr Nachrichenfaktoren und je stärker deren Ausprägung, desto höher die Relevanz eines Blog-Posts. 
    Im Vergleich zu den klassischen (quantitativen) Reichweitenmassen im Web (Page Impressions etc.) gibt es bei den Nachrichtenfaktoren zwei grosse Unterschiede: Die Nachrichtenfaktoren sind ein qualitatives Mass und sie beziehen sich auf die Sender-Seite, also auf das Angebot. Ob eine Botschaft von hohem Nachrichtenwert auch viele Rezipienten erreicht, ist eine andere Frage. Eine Frage, die wissenschaftlich beantwortet werden kann.

    Auswirkungen eines hohen Nachrichtenwerts
    Ein zentrales Merkmal der Social-Media-Kommunikation ist, dass sich die Nutzer aktiv einbringen (und nicht nur passiv konsumieren). Wenn man nach Relevanzmassen für die Rezipienten-Seite sucht, sollte man dies beachten. Ein Tweet, beispielsweise, kann also dann als relevant angesehen werden, wenn er viele Rezipienten dazu bringt, aktiv zu werden. 
    Ich will hier kurz auf einen Zusammenhang eingehen, auf den ich bei den Recherchen für meine Lizentiatsarbeit gestossen bin (allerdings ohne hier die ganze wissenschaftliche Argumentation bis ins Detail zu beschreiben): Nachrichtenfaktoren sind Relevanzindikatoren. Relevanz erzeugt beim Rezipienten Betroffenheit, er wird also emotional aktiviert. Und gemäss der Theorie vom Sozialteilen von Emotionen lösen Emotionen interpersonelle Kommunikation aus. Im Fall eines viralen Videos könnte dieses zum Beispiel an Bekannte weitergeleitet werden. Ein Tweet könnte “retweeted” werden, ein Blogpost beispielsweise per Twitter weiterempfohlen. Allgemein gesagt: Eine Botschaft von hohem Nachrichtenwert bringt die Rezipienten dazu, kommunikativ aktiv zu werden. Und das ist ja – wie oben erwähnt – genau das, was Social Media ausmacht.

    Soweit also meine Gedanken zum Thema “Relevanzmasse für Social Media”. Ist das ein interessanter Ansatz oder liege ich damit völlig daneben?

  • 26Jan

    Wer virale Videos verstehen will, muss sich irgendwann mit der Diffusionsforschung beschäftigen. Ich habe dies auch getan, und habe dabei festgestellt, dass sich insbesondere die Diffusion von Nachrichten gut mit der Diffusion von viralen Videos vergleichen lässt. So gibt es beispielsweise eine Studie zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001, die unter anderem zu folgendem Ergebnis kam: 69% der Befragten erzählten die Nachricht  weiter und erreichten dabei durchschnittlich 4.8 Menschen. Das tönt irgendwie stark nach viraler Verbreitung. Trotzdem: Der grösste Teil der Bevölkerung hat aus den Massenmedien von den Anschlägen erfahren. 

    Das war aber zu Pre-Web2.0-Zeiten. Da hatten die Massenmedien noch das Monopol auf die Verbreitung von Breaking News. Heute ist das nicht mehr so, wie beispielsweise die Anschläge von Mumbai bewiesen: Stunden bevor im Fernsehen darüber berichtet wurde, tauchte die Nachricht auf Twitter auf. Auch beim Airbus-Unglück im Hudson River war Twitter schneller: Kurz nach dem Crash schoss ein New Yorker mit seinem iPhone ein Foto von der Unglücksmaschine und veröffentlichte es auf Twitter. Sein Kommentar dazu: “There’s a plane in the Hudson. I’m on the ferry going to pick up the people. Crazy.” 

    Natürlich sind etwa 99,814% der “Nachrichten” auf Twitter völlig belanglos: “Leaving the city, had a great day. Trying to beat the traffic. Wish me luck!” (Dieser Tweet stammt vom selben Mann, der einige Minuten später das Foto vom verünglückten Airbus geschossen hat.) Doch irgendwo in dieser Flut von Belanglosigkeiten taucht hin und wieder plötzlich etwas sehr relevantes auf, erreicht einige wenige Twitterer, welche die Nachricht weiterverbreiten, bis sie irgendwann zur viralen Epidemie wird. 

    Da drängt sich natürlich Viralmarketing als Analogie auf: Viele Marketingfachleute haben erkannt, dass sie ihre Zielgruppe über die klassischen Medien nur noch schwer erreichen können. Ihre Botschaften gehen in der Informations- und Werbeflut unter. Deshalb setzen sie auf virales Marketing: Statt über die Massenmedien soll sich die Werbebotschaft über interpersonelle Kanäle verbreiten: “It’s imperative to stop Marketing at people. The idea is to create an environment where consumers will market to each other” schreibt Viralmarketing-Guru Seth Godin. Der Vorteil: Produkteempfehlungen sind viel glaubwürdiger, wenn sie von Bekannten und Freunden kommen, als wenn sie durch TV-Werbung indoktriniert werden.

    Doch es gibt einen grossen Unterschied: Im Gegensatz zu Werbebotschaften sind Nachrichten immer noch glaubwürdiger, wenn sie aus den Massenmedien kommen. Web 2.0-Dienste, allen voran Twitter, revolutionieren zwar die Diffusion von Nachrichten. Wenn es aber darum geht, Nachrichten zu überprüfen, einzuordnen und zu kommentieren, werden die Massenmedien aber weiterhin eine grosse Rolle spielen. So können über Twitter ohne Probleme auch Falschnachrichten verbreitet werden: Ich könnte beispielsweise ohne Probleme irgendwo ein Bild von einem brennenden Haus herunterladen, dieses auf Twitter veröffentlichen und dazu schreiben, dass in Fribourg eine Bombe explodiert sein. Irgendwann würde mein Schwindel wohl auffliegen, aber bis dahin könnte sich eine solche Nachricht wohl wie ein Lauffeuer verbreiten.

  • 11Jan

    Das gemäss “Viral Video Chart” viralste Video der letzten Tage ist eine Bierwerbung für Heineken: Bei der Hausbesichtigung kann sich eine Gruppe von Frauen kaum halten, als ihnen von der glücklichen Bewohnerin ihr begehbarer Kleiderschrank gezeigt wird. Gleichzeitig wird den Männern ein begehbarer Kühlschrank präsentiert, gefüllt mit Heineken. Ihre Reaktion steht den Frauen in nichts nach. Ein bloggender Werber schreibt dazu: “Reduziert man diesen Heineken-Spot auf seine Botschaft, so ist sie recht simpel, ja fast trivial: Männer lieben Heineken.” 

    Um hier den alten Bosch-Slogan zu bemühen: Genial einfach. Einfach genial. Solche Ideen machen Videos zu Viren. Doch was macht man, wenn man keine geniale Idee hat, aber trotzdem einen Videovirus lancieren will? Ganz einfach: man schaut ab. Auf YouTube werden pro Minute 13 Stunden Videomaterial veröffentlicht, da gibt es endlos viel Inspiration. YouTube ist ein kulturelles Phänomen, das seine eigenen Stars produziert, die innerhalb der Community über grosses Ansehen verfügen. Wieso nicht solche Leute für die eigene Kampagne einspannen? 

    Ein Beispiel: Der Videoclip zum Song “Pork and Beans” der Band “Weezer” war eines der erfolgreichsten virales Video des letzten Jahres. In den ersten 5 Tagen nach der Veröffentlichung wurde dieses Video 3.5 Millionen mal angeschaut – und dies bevor es überhaupt auf MTV lief. Das Konzept: Man packte einfach fast die ganze YouTube-Prominenz in das Video. Klar: Wer nur einmal im Monat auf dem Internet ist, kann mit einem solchen Video wenig anfangen. Wenn ein Osteoporose-Medikament beworben werden soll, wäre diese Strategie also wohl nicht die beste Wahl. 

    Ein weiteres Beispiel: “Where the Hell is Matt?” – Ein junger Mann macht eine Asien-Reise und kommt irgendwann auf die Idee, sich an verschiedensten Orten filmen zu lassen, wie er seinen trotteligen Tanz macht. Sein Video, 2005 veröffentlicht, verbreitet sich viral. Die Kaugummifirma “Stride” wird auf Matt aufmerksam und bezahlt ihm eine weitere Reise. Einzige Bedingung: Er muss daraus wieder ein Video machen und darin das “Stride”-Logo ein paar mal kurz einblenden. Das Resultat wird zum viralen Grosserfolg, ebenso wie sein drittes Video, auch von Stride finanziert. Natürlich taucht hier “Stride” nur am Rande auf. Man nimmt die Marke aber trotzdem wahr (und zwar in einem sehr positiven Umfeld), und vielleicht denkt man sich dabei, dass es ziemlich cool ist von Stride, so was zu unterstützen. 

    Und zuletzt noch ein ganz aktuelles Beispiel: Bei “The Evolution of You!” trifft eines der erfolgreichsten YouTube-Videos seit bestehen der Plattform auf eine der erfolgreichsten viralen Kampagenen aller Zeiten:  “Evolution of Dance” meets “ElfYourself“. Das Resultat: Der Protagonist aus “Evolution of Dance” zeigt ein paar neue Moves, daneben tanzen zwei animierte Puppen, bei denen man sein eigenes Foto einsetzen kann. Die Marketingverantwortlichen der Firma ”Saveology” haben hier also alle Register gezogen und haben dabei nicht vergessen, auch dem werbenden Unternehmen genügend Platz einzuräumen. Soviel Platz allerdings, dass das Ganze schon ziemlich penetrant und aggressiv daherkommt – was dann der Marke wohl eher mehr schadet als nützt.

    Fazit: 
    1. YouTube-Trittbrettfahren kann viel Aufmerksamkeit bringen.
    2. Viel Aufmerksamkeit heisst aber nicht, dass man die richtigen Leute erreicht.
    3. Und viel Aufmerksamkeit heisst auch nicht, dass die Marke davon profitiert. 

    Ein paar Inspirationsquellen:

  • 09Dec

    Es gibt zwar auf dem Internet haufenweise Tipps für die Gestaltung eines erfolgreichen viralen Videos, wissenschaftliche Arbeiten zum Thema gibt es aber noch sehr wenige. Ich will in diesem Beitrag fünf Studien vorstellen, in denen ich einige interessante Ergebnisse gefunden habe. Drei davon widmen sich explizit viralen Videos, eine untersucht virale Marketingkampagnen im Allgemeinen und eine Arbeit hat “Pass-Along E-Mails” als Gegenstand. Die erste und aktuellste Studie stammt aus Deutschland und sieht auf den ersten Blick sehr vielversprechend aus, offenbart aber bei genauerem Hinsehen grosse wissenschaftliche Mängel:

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  • 29Nov

    (Das wäre dann schon mein zweiter Titel in diesem Blog, der auf den Slogan eines deutschen Privatsenders anspielt. Ich entschuldige mich dafür. Nun aber zum Thema:)

    Das menschliche Wesen tendiert dazu, Emotionen zu verarbeiten, indem es darüber spricht. Bernard Rimé hat dies in diversen Studien empirisch untersucht und festgestellt, dass etwa 90% der Alltagsemotionen “sozialgeteilt” werden. “Social sharing of emotions” nennt sich seine Theorie.

    Im Jahr 2003 fanden Christian Derbaix und Joëlle Vanhamme heraus, dass sich diese Theorie auch auf die Mundpropaganda im Bezug auf Produkte und Dienstleistungen anwenden lässt, wobei die Emotion der Überraschung dominant ist: Überraschende Produkterfahrungen lösen signifikant mehr Mundpropaganda aus als nicht überraschende Erfahrungen. Während Überraschung eine neutrale Emotion ist, kommt dazu oft entweder eine positive Emotion wie Freude oder eine negative wie Wut. Deshalb sprechen wir von “positiven Überraschungen” und “negativen Überraschungen”. Zwei Jahre später wurde dieses Konzept auch auf das virale Marketing angewendet, Adam Lindgreen und (wieder) Joëlle Vanhamme stellten folgendes fest: “The more surprised customers are, the more likely they are to generate a large viral network.”

    In einer Studie aus dem Jahr 2007 untersuchten Lindgreen, Vanhamme und Kollegen neun erfolgreiche virale Marketingkampagnen auf den Gebrauch der sechs primären Emotionen Überraschung, Angst, Trauer, Freude, Abscheu und Wut. In allen neun Kampagnen wurde mit überraschenden Elementen gearbeitet, dazu kam aber immer mindestens eine weitere der sechs primären Emotionen, am häufigsten waren dies Freude und Trauer, die durch je vier der untersuchten Kampagnen ausgelöst wurden.

    Ein interessanter Ansatz, der auch bei viralen Videos Sinn zu machen scheint: Überraschung wird durch eine “Schemadiskrepanz” ausgelöst. Schemata sind “Theorien”, die wir uns anlegen über die Natur von Objekten, Ereignissen oder Situationen. Wenn ein wahrgenommenes Ereignis (also beispielsweise ein virales Video) zu keinem in unseren Köpfen gespeicherten Schema passt, sind wir überrascht. Und dies ist bei sehr vielen erfolgreichen viralen Videos der Fall. Ronaldinho drängt sich da natürlich als Beispiel auf. Oder auch dieser aktuelle Viralspot von Samsung.

  • 27Nov
    • 21.9% der Weltbevölkerung nutzen das Internet. Zuwachs seit 2000: 305.5%
    • Region mit dem tiefsten Internet-Nutzer-Anteil: Afrika (5.3%). Höchster Anteil: Nordamerika (73.6%)
    • 77.2% der Schweizer Bevölkerung haben in den letzten 6 Monaten das Internet genutzt, davon 56.2% täglich oder fast täglich.
    • Altersgruppe mit dem grösster Internet-Nutzer-Anteil in der Schweiz: 14-19-jährige (97.7%). Tiefster Anteil: 50+ (53.9%)
    • 57% der amerikanischen Internet-Nutzer schauen sich Internet-Videos an. Bei den 18-29-jährigen sind es 76%.
    • 51% der Deutschen Internet-User nutzen Videoportale wie YouTube. Bei den 14-29-jährigen sind es 84%.
    • Durchschnittlicher TV-Konsum in Deutschland: 225 Minuten. Internet-Konsum: 58 Minuten. In der Altersgruppe der 14-19-jährigen: TV: 100 Minuten, Internet: 120 Minuten.
    • Im August 2008 schauten sich 26 Millionen Deutsche Videos im Internet an, durchschnittlich 117.6 Videos pro Person.
    • 75% der amerikanischen Internet-Video-Konsumenten erhalten Links zu Videos. 57% senden Links, 10% posten Links auf Websites und Blogs.
    • 27% der amerikanischen Internet-Video-Konsumenten Nutzen YouTube. 
    • Auf YouTube werden täglich 100 Millionen Videos abgerufen und 100′000 neue Clips hochgeladen. Jede Minute kommen 8 Stunden Bildmaterial dazu. 
    • YouTube ist für 10% des weltweiten Datenverkehrs im Internet zuständig.
    UPDATE - 3.12.2008: Gemäss einem aktuellen Times-Artikel werden auf YouTube pro Minute mittlerweile bereits 13 Stunden Material veröffentlicht.

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