• 01Apr

    Es ist eines der erfolgreichsten viralen Videos der letzten Monate: “Iraqi Journalist Throws Shoe at Bush”:

    Bereits kurze Zeit später waren die Wurfgeschosse identifiziert: Es handelt sich um das Modell Nr. 271 aus Ramazan Baydan’s Schuhfabrik in Istanbul. Der Schuhhersteller reagierte schnell und taufte das Modell Nr. 271 in “Bye Bye Bush” um. Die Verkäufe nahmen rasant zu: Wie die letzte Ausgabe der NZZ am Sonntag berichtet, sei der Umsatz des Schuh-Herstellers aus Istanbul um 500 Prozent gestiegen. Gemäss einem BBC-Artikel musste Baydan kurzfristig 100 neue Mitarbeiter einstellen.

    Irgendwie kam ich beim Lesen dieser Artikel auf den Gedanken, dass die “heldenhafte” Aktion des irakischen Journalisten eigentlich geniales Guerilla-Marketing für den türkischen Schuhhersteller war: Vorher konnte Baydan vielleicht knapp ein paar Inserate in Lokalzeitungen bezahlen, dank der Schuhwurf-Aktion war sein Modell Nr. 271 auf einen Schlag weltweit bekannt. Und siehe da: es war tatsächlich eine Guerilla-Aktion, wie der Schuhhersteller nun in einem Bericht von BBC zugab: Die Idee sei von seinem Sohn Mustafa gekommen, der in Istanbul Marketing studiere. Er machte seinem Vater klar, dass Zeitungswerbung nichts bringe und dass er stattdessen auf alternative Werbeformen setzen solle. Über einen Kommilitonen von Mustafa kam der Kontakt zum irakischen Journalisten Muntadhar az-Zaidi zustande. Gegen die Bezahlung von umgerechnet 7600 Euro (Baydan’s gesamten Werbebudget für 2009 und 2010) erklärte sich dieser bereit, zwei Schuss Modell Nr. 271 gegen Bush zu feuern. Bis az-Zaidi von seinem fürstlichen Honorar (als Reporter müsste er dafür zwei Jahre lang arbeiten) Gebrauch machen kann, geht es aber noch eine Weile: Er sitzt für drei Jahre im Gefängnis.

  • 21Mar

    Ende Januar habe ich hier über einen personalisierbaren Viralspot zur Abstimmung über die erweiterte Personenfreizügigkeit berichtet. Mittlerweile ist die Abstimmung entschieden (die Vorlage wurde angenommen) und vor einigen Tagen veröffentlichten das Institut für Politikwissenschaft der Uni Bern und das Forschungsinstitut gfs.bern eine Analyse zum Stimmverhalten. Ein Teil dieser Studie widmet sich anscheinend auch dem eingangs erwähnten Viralspot, wie tagesanzeiger.ch berichtet: “Web-Video mit Clerc war ein cleverer Schachzug” wird dort getitelt.

    Gemäss der Studie hat jeder siebte Urnengänger das zwei Wochen vor der Wahl veröffentlichte Video gesehen, was eine ziemlich stolze Zahl ist. “Wer es sah”, berichtet der Tagi weiter, “ging etwas häufiger an die Urne und stimmte überdurchschnittlich häufig ja”. Diese Aussage gilt es allerdings mit Vorsicht zu geniessen: Hier wird zwar eine Korrelation bewiesen, aber keine Kausalität. Die Ergebnisse tönen aber auf jeden Fall spannend – mal schauen ob ich irgendwo noch weitere Informationen zu dieser Studie finde.

  • 26Jan

    Das Ganze ist zwar eindeutig vom Move-On-Spot zur amerikanischen Präsidentschaftswahl abgekupfert, aber immerhin: Pünktlich zur Abstimmung über die Personenfreizügigkeit hat jetzt auch die Schweiz ihren ersten personalisierbaren viralen Politik-Werbespot.

    Hier gehts zur Website

    (via persoenlich.com)

  • 14Jan

    Jetzt hat auch die Schweiz ihr erstes Festival für virale Videos: Am 29. Januar findet im Genfer Kino Pathé Balexert das Viral Film Festival statt. Wer dabei sein will, muss sich vorher auf der Homepage anmelden. Die Filmauswahl kann man hier begutachten.

    Aber ehrlich gesagt: Ich sehe den Sinn von solchen Festivals nicht. Das Schöne an Filmfestivals ist, dass dort Filme gezeigt werden, die man sonst kaum zu sehen bekäme. Aber virale Videos sind per Definition auf dem Internet zu finden und damit für fast alle zugänglich. Das Schöne daran, einen Film im Kino zu sehen (und nicht am Computer) ist, dass er nur auf der grossen Leinwand und mit Surround-Sound seine volle Wirkung entfalten kann. Die meisten Videos, die sich auf dem Netz viral verbreiten, wurden aber bewusst für YouTube und andere Videoplattformen produziert und geben auf der grossen Leinwand kaum mehr her als im kleinen YouTube-Player. Ich werde deshalb am 29. Januar kaum nach Genf fahren, um mir dort in einem zwei Stunden lang virale Videos anzuschauen.

    Gefallen hat mir dafür der Trailer zum Festival: “C’est quoi une bonne vidéo virale?” (sh. unten). Welche Zutaten machen ein virales Video aus? Vorgeschlagen werden: Sex, Humor, Bizarres, Tiere, Stars, Nichts. Dieselbe Frage stelle ich mir auch bei meiner Inhaltsanalyse. Als Kategorien dienen mit dafür 17 Faktoren aus der Nachrichtenwertforschung (die ich an virale Videos angepasst habe). Und siehe da: Die meisten der in diesem Trailer vorgeschlagenen Zutaten tauchen auch in meinem Faktorenkatalog in ähnlicher Form auf. Einzig “Bizarres” taucht bei mir nicht auf. Solche Videos werden bei mir am ehesten mit dem Nachrichtenfaktor “Faszination” kodiert. (Und bei “Nichts” kodiere ich einfach nichts…)

    Was ich schon mal sagen kann: Sex scheint überhaupt nicht zu ziehen. Der Nachrichtenfaktor “Sexualität/Erotik” tauchte in den 100 viralsten Videos des letzten Jahres nur sechs mal auf. Und auch in einer Rezipientenbefragung der deutschen GfK sagten nur 5.9% der Befragten, dass sie “sexy Videos” weiterleiten. Die anderen in diesem Trailer erwähnten Zutaten haben wahrscheinlich einiges mehr Einfluss auf die virale Verbreitung von Videos. Mehr dazu aber ein ander mal. 

    (Via culture-buzz.com)

  • 21Dec

    Ohne Plattformen wie YouTube würde das Phänomen “virale Videos” kaum im heutigen Ausmass existieren. Diese Plattformen gehören wiederum zum Bereich “Social Media”, einer Entwicklung, die von vielen als “Megatrend” bezeichnet wird. Ein grosses und in der Blogosphäre vieldiskutiertes Problem diverser Social-Media-Anwendungen ist, dass bis jetzt noch kein Rezept gefunden wurde, damit Profit zu machen. Paradebeispiel ist da YouTube: Die Videoplattform hat zwar unglaublich hohe Traffic-Werte und Besucherzahlen, macht aber auch grosse Verluste, weil bis jetzt noch kein gut funktionierendes Werbe-Modell entwickelt werden konnte. Ähnlich geht es auch anderen Web2.0-Plattformen: Die Nutzerzahlen sind enorm, aber mit der Monetarisierung klappts nicht. 

    “Social Media ist ein so fundamental neuartiges Medium, dass wir noch Jahrzehnte brauchen werden, um die richtige Form von Kommerzialisierung zu finden” lautet die These von Andreas Göldi, Blog-Autor bei netzwertig.com. In einem sehr interessanten Artikel beschreibt er “das Komplexitätsproblem von Social Media Marketing”. Lesenswert. Auch die Kommentare.

  • 10Dec

    Das schreibt B.L. Ochman von “Advertising Age” in diesem interessanten Artikel über virales Marketing und insbesondere über das Wort “viral”. Niemand kann sagen: “Wir machen ein virales Video”. Ein Video ist nicht per Definition viral. Ein Video ist erst viral, wenn es sich viral verbreitet. Eben: “It ain’t viral til it is.”

  • 13Nov

    Seit Jahren schon macht das Schweizer Fernsehen einen guten Job im Online-Stellen von Sendungen. Fast alle eigenproduzierten Formate können auf der SF-Website angeschaut werden, die Archive reichen oft Jahre zurück. Und vor einigen Monaten hat man endlich vom RealPlayer auf Flash-Videos umgestellt, was ja heute der Standard in Sachen Online-Video ist. Seit dieser Umstellung gibt es auch eine embed-Funktion, die es Nutzern erlaubt, SF-Videos in die eigene Website einzubinden. Doch damit hat sichs in Sachen Interaktivität. 

    Ein kleines Beispiel: Sagen wir, ich finde einen Sketch aus der letzten Giacobbo/Müller-Sendung so lustig, dass ich ihn unbedingt an ein paar Freunde weiterleiten will. Nur: Wie mache ich das? Die Videos öffnen in einem Pop-Up; es gibt also keinen Link den ich kopieren und in ein Mail einfügen kann. Es gibt auch keine “Share”-Funktion, wie es jedes vernünftige Video-Portal und auch viele TV-Sender-Mediatheken haben. Die einzige Möglichkeit, die mir also bleibt, ist das Video in meine eigene Website einzubinden - falls ich überhaupt eine habe. Oder ich schicke den Link zur Giacobbo/Müller-Homepage mit ein paar Anweisungen, wie meine Freunde dort zum Video finden. Nicht gerade sehr convenient.

    Ein Gegenbeispiel: “The Colbert Report“, eine Satire-Show aus den USA. Dort gibt es im Video-Player eine Share-Funktion, wo ich einen Direktlink oder einen embed-Code herauskopieren, das Video direkt an Freunde schicken, oder auf Portalen wie Facebook, Delicious oder Digg veröffentlichen kann. Es ist also ein Kinderspiel, einen Clip, der mir gefällt, weiter zu verbreiten – und damit der Show neue Zuschauer, online oder am TV, zu bescheren. 

    Es kommt öfters vor, dass solche Videos, von der Colbert Show oder von anderen TV-Shows, zu Selbstläufern werden und sich exponentiell verbreiten. Auch wenn Giacobbo/Müller nicht immer so lustig ist, dass sich Ausschnitte daraus wie ein Lauffeuer verbreiten würden: Es gibt auch beim Schweizer Fernsehen Videos, die virales Potenzial hätten. Aber dieses wird fahrlässig verschenkt.

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